Interview mit Rahim Taghizadegan über Inflation, Bitcoin und die Zukunft Europas

Unternehmensrecht Aktuell hat mit dem Ökonomen Rahim Taghizadegan über die aktuelle wirtschaftliche Situation Europas und der Welt gesprochen. Er ist Leiter des Wiener Scholarium (scholarium.at), einem der letzten bekannten Institute, die die Österreichische Schule der Nationalökonomie lehren. Rahim Taghizadegan schrieb mehr als ein Dutzend Bücher, zuletzt „Europa auf der Intensivstation“.

UA: Die etatistisch geprägte keynesianische Nationalökonomie befindet den sogenannten Konjunkturzyklus für normal und praktisch unvermeidlich. Jetzt, da Europa ins Stadium der Rezession eintritt, stellen sich nicht Wenige die Frage: ist dies tatsächlich normal in einem gesunden Wirtschaftssystem? Wie würden Sie darauf antworten?

Starke Preisschwankungen einzelner Güter und starke Kursschwankungen einzelner Aktien sind normal und gesund. Dass nahezu alle Güter im Preis steigen und gelegentlich die Kurse nahezu aller Anlagetitel sinken, ist Ausdruck künstlicher Schwankungen, die durch die Geldpolitik verursacht werden.

Die Ursache wird in im Allgemeinen häufig in dem Krisentrio Corona-Pandemie, Krieg in der Ukraine und Klimawandel gesucht. Ist es tatsächlich plausibel, dass ein solides Wirtschaftssystem unter externen Faktoren derart leidet? Oder wurden hier systemische Fehler seitens der – gerade in Europa sehr interventionsfreudigen – Staaten gemacht?

Pandemie, Krieg und Klimawandel sind Ausreden für Interventionismus, der in Interventionsspiralen zu immer höherer – politisch verursachter – künstlicher Ungewissheit führt, die sich dann in hoher Volatilität entlädt.

Sprechen wir nun über das Währungssystem – einer der Kernbestandteile des Wirtschaftsrechtes, der von Staaten seit langem aggressiv monopolisiert wird. Welche Beispiele für gute und schlechte Währungspolitik sehen Sie derzeit in der Welt – auch im Hinblick auf nichtstaatliche Währungen wie Bitcoin?

Die beste Währungspolitik ist keine Politik: Politisierung von Geld ist Ausdruck der Selbstüberschätzung und der Manipulation des wichtigsten Bindeglieds und Signals der Kooperation. Der Vorzug von Bitcoin ist die mangels zentraler Leitstelle beschränkte, eindeutig absehbare und transparente Menge, die nicht manipuliert werden kann.

Wie sehen Sie im Allgemeinen die These, dass das staatliche Währungsmonopol beziehungsweise das Zentralbankensystem alternativlos, oder jedenfalls das beste existierende System sei?

Ich respektiere diese konservative These, auch wenn ich sie nicht teile. Alternativen müssen sich erst behaupten, und zwar parallel zu den bestehenden Strukturen, und dürfen nicht von oben verordnet werden. Die Welt verändert sich; ein System zum Ende der Geschichte zu erklären, folgt den Interessen des Status quo.

Die derzeit stattfindende hemmungslose Umweltzerstörung wird in populären Meinungen in aller Regel dem freien Markt zugeschrieben und soll durch Regulierung und Interventionen gelöst werden. Der gesunde Menschenverstand sagt dem kundigen Beobachter allerdings auf den ersten Blick, dass dies das Resultat eines inflationsgetriebenen zentralen Währungssystems ist, welches schnelle Expansion auf Kredit als einzigen Weg der Unternehmensführung duldet – mithin primär die Schuld der Zentralbanken ist, die substanzlos das nominale BIP steigern wollen. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Die Antwort ist in der Tat offensichtlich. Emissionen und Versiegelung von Böden korrelieren eindeutig mit der Geldschöpfung. Ein großer Teil der Umweltzerstörung ist eine Folge der Verzerrung der Produktionsstruktur in Richtung Kurzfristigkeit und Konsumismus. Planwirtschaft verursacht stets die größten Umweltschäden, auch Geldplanwirtschaft.

Wie stehen Sie zur Idee eines Bitcoin-Standards und welche Rolle würden Banken in einem durch dezentrale Plattformen dominierten Finanzsystem spielen?

Ich lehne von oben definierte Standards ab. Bitcoin als Standard internationalen Zahlungsausgleichs könnte als neutrale Alternative entdeckt werden, wenn das Misstrauen in die Währungen geopolitischer Blöcke, die sich feindlich gegenüber stehen, zu groß wird – und auch die Goldlagerung an Marktplätzen und Transporte unsicher werden. Bitcoin wäre dann Basisgeld und würde auch eine größere Rolle als Pfänder spielen, was Bankdienste nicht ausschließen würde. Banken könnten dieses Basisgeld aber nicht schöpfen, wodurch der Sektor gesundschrumpfen würde.

Einer der wenigen Faktoren, die staatliche Fiat-Währungen stabilisieren, ist die Tatsache, dass mit dem Fiskus immer mindestens ein Abnehmer existiert. Steuern und Gebühren werden in der jeweiligen Landeswährung festgesetzt. Glauben Sie, dass diese Praxis dauerhaft Bestand haben kann, oder wird die wachsende Macht dezentraler Währungen Staaten früher oder später zur Anpassung zwingen?

Ich glaube nicht, dass Steuern langfristig den Geldwert stabilisieren. Kaufkraftverlust einer Währung durch Besteuerung bremsen zu wollen, würde die Produktion weiter bestrafen und damit die Teuerung noch erhöhen.

Welche Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft würden Ihrer Ansicht nach daraus resultieren, wenn die Staaten ihr Geldmonopol verlieren würden?

Die Trennung von Staat und Geld würde Manipulation und versteckte Umverteilung beenden und damit weit mehr Kooperation und letztlich Wohlstand ermöglichen.

Inwiefern würde sich ein freier Währungsmarkt auf Unternehmensstrategien auswirken? Insbesondere dann, wenn wir davon ausgehen, dass nur hartes Geld wie Bitcoin oder physisches Gold sich auf einem freien Währungsmarkt durchsetzen könnte?

Wenn Unternehmen nicht mehr zum Kaufkrafterhalt panisch nach Renditen auf verzerrten Märkten suchen müssten, würden sie sich mehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und langfristiger agieren.

Die regelmäßigen Spekulationsblasen, die die Kapitalmärkte oder sogar den Wohnungsmarkt destabilisieren, sind nun sehr eindeutig Resultat der instabilen Fiat-Währungen. Wer wirtschaftlichen Sachverstand hat, hält kein Bargeld, sondern spekuliert dann eben auf Immobilien. Wie würde ein freier Währungsmarkt sich Ihrer Ansicht nach auf Kapitalmärkte und Privatanleger auswirken?

Die Entmonetisierung von Immobilien, Aktien und Anleihen würde diesen ihre Grundfunktion zurückgeben und den Wohlstand breiter Massen erhöhen, indem sich für diese Wohnraum, Anteile an den Produktionsmitteln und Zugang zu Erträgen massiv vergünstigen würden.

Und was würde das für die Unternehmen bedeuten, die den Kapitalmarkt, insbesondere die Börse, als Finanzierungsmedium nutzen? Müssten diese andere Argumente und Strategien präsentieren, um Investoren zu überzeugen?

Börsen und Aktiengesellschaften sind wesentliche Elemente einer Marktwirtschaft und würden weiterbestehen, allerdings würden reale Erträge die Basis der Finanzierung bilden: Cashflow, nicht Businesspläne oder Prospekte wären entscheidend.

Wagen Sie eine Prognose: unterschiedliche Länder reagieren auf neue Entwicklungen sehr unterschiedlich. So zeigen sich etwa El Salvador oder Panama sehr offen, was das Thema Kryptowährungen angeht, während China diese zu verbieten versucht und auch Europa sich eher restriktiv zeigt. Welche Länder sehen Sie im Jahr 2050 als Gewinner? Welche Länder oder Regionen der Welt werden eine positive, welche eine weniger erfreuliche Entwicklung hinlegen?

Gewinnen werden neutrale und offene Standorte, die Rechtssicherheit bieten. China wird zurückfallen. Die EU wird zerbrechen: In einen Block, der China imitieren will, ohne es verstanden zu haben, und einzelne Länder und Regionen, die positiven Vorbildern folgen und zu Zentren von Handel und Innovation werden.

Und wo wir gerade von unterschiedlichen Staaten sprechen: spätestens mit der ZEDE Próspera, der freien Privatstadt in Honduras, haben auch die Staaten selbst Konkurrenz als Modell des Zusammenlebens bekommen. Unter welchen Voraussetzungen und in welchem Umfang, glauben Sie, werden sich freie Privatstädte oder sogar Privatstaaten langfristig durchsetzen?

Zerbricht die Welt in eine neue bipolare Spannung zwischen zwei Blöcken, dann wird die Bedeutung blockfreier, neutraler Standorte zunehmen. Autonome Städte wären dafür prädestiniert. Die meisten neuen Projekte werden scheitern, aber das nächste Hongkong oder Singapur könnte in einer solchen Sonderverwaltungszone entstehen.

Sehr geehrter Herr Taghizadegan, herzlichen Dank für Ihre Antworten.